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  • AutorenbildPascal Sure Can

Zu singen ist wie im Wald spazieren zu gehen

Neulich war ich zum Spazierengehen in dem Naturschutzpark bei mir um die Ecke, als ich mich plötzlich völlig orientierungslos mittendrin wiederfand und mir war klar: ich hatte mich verlaufen. Während meines Abenteuers kamen mir viele Gedanken in den Sinn, die mich an den Gesangsunterricht erinnerten.




Der Wald mit all seinen Lebewesen ist ein organisches System, ein Zusammenspiel unzähliger Faktoren. Was wir als Besuchende davon nur mitbekommen: Sattes Grün, der Geruch von Moos und Erde, Vogelgezwitscher und wenn wir Glück haben, sehen wir hie und da ein Eichhörnchen. Und doch gibt es Gewusel; hart arbeitende Ameisen, Regenwürmer, Schnecken Käfer, Bienen, Fliegen, Frösche, Blumen, Sträucher, allerlei Bäume und deren komplexes Wurzelgeflecht unter der Erde und so viel mehr. Wir können das auch sehen, wenn wir lernen hinzusehen und genau hinzuhören.

Jetzt haben wir zwei Möglichkeiten. Wir können auf den uns bekannten Wegen gehen, um beispielsweise die dicke Eiche nochmal zu sehen, nochmal den Strömen des kleinen Bächleins beim Fließen zuzuschauen, die weißen Blüten des Kirschbaums zu bewundern, ja vielleicht hören wir sogar den Specht zu seiner Lieblingszeit. Mit Sicherheit werden wir eine wunderschöne Zeit im Wald verbringen, ehe wir in den Stress des Alltags zurückgehen müssen. Was passiert aber, wenn wir die andere Möglichkeit nehmen und uns mal den kleinen etwas schattigeren Weg hinter der Hecke anschauen, den wir vorher vielleicht noch nie bemerkt haben?


Was ist mir passiert, als ich mich neulich im Naturschutzgebiet verirrt hatte?

Erst mal ploppten kurze Gedanken der Panik auf: Wo bin ich? Wie komm ich nach Hause? Natürlich übertreibe ich. Ich hatte mein Handy dabei. Ich hätte nachschauen können, wie ich heim komme. Aber ich war froh, meinem Bauchgefühl zu vertrauen, denn dann bemerkte ich, dass ich mich in einem noch schöneren Bereich befand, der von Menschenaugen selten erblickt wird. Ich entdeckte eine Eidechse, Pilze. Unberührte Pflanzen. Meine Schuhe waren vom Morgentau der Wiese, die nicht mal mehr Trampelpfade aufzuweisen schien, völlig durchnässt. Es war so intensiv und eindrucksvoll als wollte der Wald mir sagen: werde ein Teil von mir. Fühle mich. Atme mich ein.


Und genauso ist das mit dem Singen. Natürlich können wir gewohnte Wege gehen, gewohnte Ziele erreichen, gewohnte Klänge erleben. Wir dürfen uns aber auch wagen, unentdeckte Orte zu erforschen. Denn wir dürfen, genau wie ein Wald auch, wachsen. Uns weiterentwickeln. Uns selbst mehr entdecken. Gibt es was Schöneres?


Was bedeutet das für uns?


Damit unser organisches (Wald-)System Stimme wachsen darf, müssen wir die Schönheit der Natur, das Chaos, das Leben und seine grundlegenden Bedingungen respektieren. Ein Wald ist eben nicht nach drei Tagen aus einem Samen geschlüpft. Und wenn wir den Wald besuchen, dürfen wir nicht mit einem LKW dadurch fahren. Wir gehen mit sanften Schritten, um möglichst viel wahrzunehmen.

Vor allem Stimmschulen, die vorschreiben wollen, welche Klänge eine Stimme haben muss, reißen die Brombeersträucher heraus und schmeißen sie zu Gunsten von besser handhabenden Tulpenbeeten weg. Dann wird aus einem Wald voller Leben ein kleiner Vorgarten wie die, die in Städten zu sehen sind: Sehen gut aus, und sind dennoch noch mehr Arbeit, um instand zu bleiben. Kosmetik und überkontrolliertes Funktionieren tritt an die Stelle, an der vorher eine völlig intakte Funktionalität und ein organisches System wirkten.


Denn nur, wenn wir unseren Wald entdecken, lernen wir ihn kennen. Kontrolle gibt es nicht dadurch, dass wir ihn in Zäune einpacken. Kontrolle gibt es nur, wenn wir uns des natürlichen Waldgeschehens annehmen und dieses kennenlernen. Also lasst uns den Wald genießen.

Also lasst uns zusammen auf Entdeckungsreise gehen.



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